SOLL UND HABEN

Caroline Hake, Soll und Haben

Portal Kunstgeschichte
erschienen 14.11.2007 | © Susanne Knorr

Soll und Haben – der Titel der zur Zeit in der Erfurter Kunsthalle präsentierten Ausstellung der Fotografin Caroline Hake erinnert an ein Begriffspaar aus dem Bereich der Buchführung. Hinter ihm verbirgt sich das Thema der Künstlerin: die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Wunsch und Wirklichkeit, mit dem sie eine anthropologische Konstante aufgreift, nämlich die Diskrepanz zwischen unseren Sehnsüchten und unserer Alltagswirklichkeit.

Dieser immerwährende Widerspruch, der sich in der modernen Gesellschaft besonders deutlich in der grell bunten Welt der TV-Reality und unserer Eventkultur manifestiert, in denen wir permanent dem schönen Schein erliegen, Wirklichkeit inszeniert und Kulisse zum einzig Erstrebenswerten wird, ist Gegenstand ihrer Fotografie.

Ihre Arbeiten verhalten sich ambivalent zum Thema der Darstellung. Bei den großformatigen C-Prints und Leuchtkästen können wir ebenso schnell dem Reiz von Glanz und Farbigkeit erliegen – nur das genaue Hin-Sehen offenbart die billige Kulisse einer scheinbar perfekten Welt. Des Weiteren findet sich diese Doppelwertigkeit im Verhältnis von Inszenierung und Dokumentation: die Fotografien täuschen uns eine von der Künstlerin arrangierte Aufnahmesituation vor, jedoch handelt es sich um Ablichtungen des real Vorgefundenen. Hake dokumentiert Inszenierung. Ihre Fotografien wirken zum Teil durch die gewählte Perspektive und die Eigenart der Bildanschnitte dynamisch. Ebenso gibt es Arbeiten, bei denen durch eine klare horizontale bzw. vertikale Gliederung des Bildraums oder dessen symmetrischen Aufbaus das Statische überwiegt. Abstraktion und Unbestimmtheit stehen neben Realismus, Klarheit und Detailreichtum, immer determiniert durch das Objekt der fotografischen Aufnahme.

Die Ausstellung bietet einen Überblick des Schaffens der Künstlerin seit 1997. Gezeigt werden fotografische Serien, die Dokumentation zweier Projekte und eine Videoinstallation, für die sie gemeinsam mit Bettina Lockemann 2000 den Kurzfilmpreis der Kunsthochschule für Medien Köln und des WDR erhielt.

In den einzelnen Serien greift Hake dabei sehr unterschiedliche Sujets auf. Sie bewegt sich vom Innenraum in den Außenraum, vom Interieur zur urbanen Landschaft, von einer im engeren Sinn medienkritischen Sicht zur umfassenden Auseinandersetzung mit der existenziellen Frage von Wunsch und Wirklichkeit. Dabei spielt die Künstlerin immer mit unseren Wahrnehmungsstrukturen und hinterfragt unser Sehen. Es sind menschenleere Fotografien, die dennoch von unserer Anwesenheit zeugen. Aufgenommen wurden sie an verschiedenen Orten der Welt, ohne vordergründig auf deren Verifizierung angewiesen zu sein.

Décollage (1997) ist die Dokumentation des gleichnamigen Projekts, das den Blick durch die aufmerksamkeitabsorbierende Werbefläche auf das Dahinter zulässt. Der Träger der kommerziellen Werbebotschaft wird hier zur Projektionsfläche des unbeachteten, verdeckten Realraumes, der mit seinem Abbild verschmilzt. Der eigentliche Sinn des Werbeträgers wird ad absurdum geführt. Hake nutzt im Gegensatz zu den anderen Serien, die sie nur selten digital verändert, für dieses Projekt ausschließlich computerbearbeitetes Material.

Monitor (seit 1998) präsentiert Ansichten von Sendestudios und bietet damit Einblicke in Räume, die starke Medienpräsenz besitzen. Die über das Fernsehen ausgestrahlten Bilder vermitteln den Anschein einer perfekten Welt, die sich in der detailreichen Fotografie als bloßer Schein offenbart. In den Videos von Happy End (2000) sind Alltagssituationen gefilmt, denen das Moment der Spannung eigen ist. Ohne Manipulation der Handlung durch die Künstlerin und in eigener Kenntnis des Vorgeführten überrascht uns das Immer-wieder-Eintretende erneut. Mit der Verunsicherung des Betrachters, die durch das Lesen des Bildtitels erzeugt wird, spielt auch die Serie Uniglory (2002), so z. B. wenn sich die in romantischen Nebel getauchte Stadt als das im Smog verschwindende L. A. zu erkennen gibt.

Die Serie Nightstop (2005) zeigt Lebensräume, die Spuren der Benutzung und Zerstörung tragen, die trist und unwirtlich wirken, in denen Trostlosigkeit und Melancholie mitschwingen. Bilder unserer Eventkultur sind in Neuroplan (2006) versammelt. Die Vielfältigkeit von Freizeitangeboten, die Entspannung und Erkenntnis suggerieren und den Wunsch der Teilnahme produzieren, lassen uns von Ereignis zu Ereignis, von Termin zu Termin hetzen.

Hakes Fotografien führen uns unsere oberflächliche Wahrnehmung und die Blendung, der wir so oft erliegen, vor. Vergleichen wir die Soll- mit der Habenseite, bleibt am Ende immer Diskrepanz und Desillusionierung.